Wenn Krise heißt: sich eine Meinung bilden, ein Urteil abgeben, Zustände darstellen und kritisieren, dann erledigen das derzeit gelegentlich Fernsehberichte, Talkshows oder flüchtige Bilder in speziellen Medien mit unterschiedlicher Tendenz zur Manipulation unter Ausnutzung der menschlichen Fähigkeit zur Verdrängung.

Unbehagen oder Angstgefühle werden nur ausgelöst von vorbeihuschenden Bildern, brav in langen Schlangen stehender, arbeitsloser junger Leute vor Arbeitsämtern, von brennenden Vorstädten, Verhaftungen alter Menschen die widerrechtlich, abgelaufene Lebensmittel aus dem Abfall der Supermärkte verzehren, ausgehungerten Kindern, die aus zerfallenden Schulbänken kippen weil sie nichts zum Frühstück hatten, Diabetiker, die ins Koma fallen, weil kein Insulin beizubringen war. Bilder, die manche Zuschauer gar nicht wahrnehmen wollen, abschalten und andere wieder, die davon überzeugt sind, dass es sie ja nicht angehe.

Hatten Heinrich Zille, Käthe Kollwitz oder Otto Dix etwa ein anderes Publikum?

Würden sich die Zuschauer von heute überhaupt trauen, Bilder anzusehen, die nur den einen Moment im eigenen Empfinden eines Malers ausdrücken?

Mir fehlen Bilder von wohlgenährten mit Designerklamotten top gestylten Figuren, die sich empört und voller Angst zugleich an Luxusvillen, Yachten und alarmgesicherten Safes verzweifelt festkrallen während alle diese Besitztümer in einem riesigen Nebel aufgebrachter Menschenmassen langsam langsam aufgehen und verschwinden.

Mir fehlen Bilder von einst mächtigen und prominenten Personen, die wütend an Gefängnisgittern rütteln ...